Wer bist du, wenn du nichts tust?

“Wer glaubt, etwas zu sein,
hat aufgehört, etwas zu werden.”

Dieses Sokrates-Zitat begegnete mir neulich auf Twitter.
Und mir sträubte sich beim Lesen zunehmend das Fell. Grrr… Nein!!

“Werde die beste Version deiner selbst!”
“The best is yet to come!”
“Go, go, go!”
“Werde Veränderer, JETZT!”
“Innovate or die!”

Uff…

Selbstoptimierung at its best. Wie wär’s mal mit Pausentaste drücken? Vom Werden zum Sein?

“Wer nach außen schaut, träumt,
wer nach innen schaut, erwacht.”

Sagt C. G. Jung. Hat er recht.

Für Sie (unfreiwillig) gestestet.

Rückblick: Januar/Februar 2011. Ich habe mir eine Lungenentzündung eingefangen, bei der einfach kein Antibiotikum anschlagen will. Und so verbringe ich diverse Wochen (gut versorgt von meinem Hausarzt) zuhause auf dem Sofa: Mehr liegend als sitzend, wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und gucke quasi den ganzen Tag durch das große Terrassenfenster in den Garten.

Wer erinnert sich an diesen Winter? Wir hatten Schnee, Schnee und nochmal Schnee. Und so war da draußen alles weiß, teilweise meterhoch von einer weichen Decke verhüllt, alle Konturen waren darunter verschwunden. Es gab nur noch sanfte Linien.

Ich muss dazu sagen: Ich war nicht nur physisch völlig platt, sondern auch mental und kognitiv; ich hatte einen ordentlichen Riss auf meiner inneren Festplatte. Ich konnte folglich wochenlang weder lesen noch Radio oder Hörbuch hören oder fernsehen, mich auf kein Gespräch länger als fünf oder zehn Minuten konzentrieren, und mehr als zwei Menschen gleichzeitig um mich herum waren definitiv zu viel. Das Haus verlassen ging gar nicht (dass ich mir als “eigentliche” Ursache für diesen Totalausfall einen fetten Burn-out eingehandelt hatte, stellte sich erst später heraus). Jeder Reiz, egal ob optisch oder akustisch, war zu viel.

So guckte ich also, wenn ich wach war, einfach nur stundenlang nach draußen: Auf diese weiche, weiße, sanfte, verschneite Welt ohne jegliche Konturen und Kontraste. Augen und Geist wurden durch nichts “aufgeregt” – und das tat so gut. Eine Bekannte fragte mich damals, ob mir gar nicht langweilig wäre. Ich hab die Frage nicht mal verstanden. Und eigentlich guckte ich in dieser Zeit viel mehr nach innen. Ich WAR eben einfach. Nicht mal zielgerichtete Überlegungen funktionierten: Die Gedanken waren völlig von der Leine gelassen, scheinbar ziellos. Ich weiß noch heute sehr genau, wie wohltuend das war. Einerseits.

Andererseits:

Ich habe in dieser Zeit viele Wochen lang nichts getan, geleistet, bewirkt; ich WAR nur, aber ich TAT eben auch nichts. Ich war komplett auf mich selbst reduziert, ohne irgendetwas vorweisen zu können, keine Ergebnisse, nicht mal kluge Gedanken oder schlaue Worte. Das war völlig ungewohnt: Alleinerziehend, voll berufstätig, immer unter Dampf. Und jetzt komplett auf Null: Nur “Ich” sein – reicht das? Was bleibt von mir, wenn ich eben nichts TUE oder WERDE, sondern einfach nur BIN?

Ich war sozusagen ungeplant in Klausur mit mir selber. Manch einer geht dafür ins Kloster, ich bin mir damals quasi im Schnee und in der Stille selbst begegnet. Das war nicht immer einfach, aber gut und wichtig und die Keimzelle für einen kompletten Neustart (Wenn Sie übrigens wissen möchten, wie es dann weiterging: https://www.stephanie-wagner.de/my-way-wie-ich-wurde-was-ich-bin/).

Ich lade Sie zu einem Gedankenspiel ein:

Es geht um unseren Selbstwert.

Frage: Was bist du wert, was bliebe von dir übrig ohne deinen Job, deine beruflichen Erfolge, deinen Status, dein vielleicht gut gefülltes Bankkonto? Wer bist du, wenn du nichts anschiebst, umsetzt, keine messbaren Resultate lieferst, keine äußeren Attribute vorzeigst und dich nicht über Leistung definieren kannst? Wenn du eine Weile nichts TUST, sondern einfach nur BIST? Woran bemisst sich dann dein Wert?

Bei allem Ehrgeiz und aller Lust auf Erfolg und Weiterentwicklung: Würden wir öfter einfach nur SEIN, anstatt permanent etwas tun oder WERDEN zu wollen, dann können wir aus diesem ewigen “schneller, höher, weiter!” auch mal ein bisschen die Luft rauslassen . Ich bin sicher: Das täte uns allen gut.

Und uns stattdessen hinwenden zu “ruhiger, tiefer, näher”.

Das schafft wieder mehr Verbundenheit, Vertrauen und freundlichen Umgang mit sich selbst und anderen: Nicht nur privat, sondern auch im Geschäftsleben. Man stelle sich vor, dass wir uns dann wieder wieder mehr aufeinander verlassen könnten, Zusagen einfach Ehrensache wären und eine Abmachung auch mal wieder per Handschlag gelten würde!

Das würde uns auch zu besseren Führungskräften, besseren Unternehmern und besseren Arbeitgebern machen.

Unsere Positionierung und damit unser Erfolg hängen nämlich u. a. maßgeblich davon ab, ob und wie wir mit anderen gute Beziehungen aufbauen können: Mit Kunden, Mitarbeitern, Partnern. Und die wichtigste Beziehung ist erstmal die zu uns selbst. Warum das so ist, und warum unser persönlicher Selbstwert unser wichtigster Unternehmenswert ist, darüber habe ich auch schon mal gebloggt: https://www.stephanie-wagner.de/was-ist-ihr-wichtigster-unternehmenswert/.

Übrigens, zum Thema “Der Handschlag gilt!”: Bei uns in Hamburg gibt es noch heute eine ehrwürdige Institution. Sie heißt

“Ehrbarer Kaufmann”,

und das “Ehrbar” wird immer (!) groß geschrieben. Wollen wir dieses “gute, kaufmännische Gebaren” nicht mal wieder zum Standard erklären? Ich bin überzeugt, so machen wir den Umgang im Business und damit die Welt zu einem besseren Ort. Wer macht mit?

PS: Ich habe kein Schnee-Foto für das Beitragsbild, und das muss im Hochsommer ja auch nicht sein. Der Blick aufs Meer tut ähnlich gut und hilft: Füße still halten,Taschenlampe nach innen richten, Kopf ausschalten. Und Müßiggang ist übrigens NICHT aller Laster Anfang. Müßiggang ist etwas Wunderbares. Und wenn Sie sich an das Wort trotzdem noch nicht ganz rantrauen, nennen Sie das Ganze einfach “Zeit für ungerichtetes Denken”. 😉

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr guter und wichtiger Artikel. In meinem Jahresurlaub muss es genau so sein. Kein Tagesplan, Aufstehen wenn der Körper es will und gerne drei Wochen an einem Ort verweilen und in den Tag hinein leben. Das ist für mich die beste Erholung.

    • Hallo Frau Lorenz,
      oh ja – sich gerade im Urlaub die Tage nicht auch noch bis oben hin mit Aktivitäten vollzupacken, ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Ein Auto fährt man ja auch nicht permanent im oberen Drehzahlbereich. 🙂
      Viele Grüße nach Österreich,
      Steffi Wagner

  2. Liebe Steffi,
    ein wirklich wunderbarer Artikel – vielen Dank dafür.
    SEIN. Einfach “nur” sein. So wichtig und so schwierig für viele heutzutage. Da gehört tatsächlich oft viel Mut dazu. Ich trau mich, einfach nur zu sein. Reduziert, die Essenz, der Kern, ohne Schischi drumrum, ohne Maske, Selbstoptimierung, Photoshop, Superlativ.

    Da gibt es dann nur noch das “Wer bin ich wirklich!?”. Was macht mich im Kern aus, wenn ich alles ablege? Und dann wirds spannend: Ertrage ich mich so? Mag ich mich so? Liebe ich mich bestenfalls sogar so? So pur und einfach und normal? Erkennen mich die anderen dann überhaupt noch? Mögen und lieben mich die anderen dann noch?

    Auch für uns Selbstständige ist dieser Kern von existenzieller Bedeutung. Was macht uns im Kern aus – ohne Marketingquatsche drumrum, ohne Hochglanzfoto und Webseite, ohne Referenzen und Persona-Zuschnitt. Was ist das Wesentliche an Bettina, an Steffi, an Peter?
    Sein statt tun. So schön. Da fällt mir ein wunderbares Lied von Konstantin Wecker ein https://www.youtube.com/watch?v=tQHRhNPGEr4 mit der zauberhaften Zeile “Es tut gut, sich SEIN zu lassen.”

    Herzlichst, Bettina

    • Liebe Bettina,
      vielen Dank und ich freu mich sehr über deine Gedanken zum Thema! Aus solchen Überlegungen ist auch mein Begriff “steffilicious” fürs Business entstanden: Das war erst nur ein Arbeitstitel, weil ich anfangs die Befürchtung hatte, das klingt zu niedlich, damit wirst du gerade von größeren Kunden nicht ernstgenommen… Bis ich es dann doch mal ausprobiert und festgestellt habe: Ganz im Gegenteil. ;.-)
      Viele Grüße nach München!
      Steffi

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