Mut! Gastbeitrag von Katharina Potreck

Mut – was für ein kraftvolles Wort, und wie vielfältig ist dieses Gefühl! Mut lässt uns Dinge tun, die uns Überwindung kosten, kann zu spektakulären Ergebnissen führen und sehr sichtbar daherkommen… oder auch ganz leise und unauffällig, in dem er zum Beispiel dabei hilft, einfach weiter zu machen.

Dieser Blogartikel ist ein Gastbeitrag meiner Freundin Katharina Potreck.

Es geht nicht um Marke, Positionierung & Co., gleichwohl bekommt er  hier auf meinem Blog einen Ehrenplatz, denn er ist Katharinas Beitrag zur Blogparade von www.mutland.org., und Katharina selbst hat keinen Blog. Und ein neuer Blickwinkel auf “Mut” tut immer gut, finde ich.

Außerdem kann ihr Artikel auch helfen, manches in unserem eigenen Leben wieder gerade zu rücken, was wir vielleicht zeitweise als schief empfinden. Stichwort Dankbarkeit. 😉

Mutland ist eine großartige Initiative, die erst vor drei Monaten auf Twitter entstand und dort inzwischen über 1.000 Follower hat. Der Account ist Inspiration pur und  verbreitet Zuversicht – unbedingt folgen!

Katharina und ich kennen uns seit 15 Jahren; seit einigen Jahren leidet sie an einer schweren Muskel- und Nervenerkrankung, deren Ursache im Dunkeln liegt. Sie kann nicht mehr arbeiten, aber sie meistert ihre Situation auf bewundernswerte Weise. Und sie hat, obwohl auch ihr Sehvermögen inzwischen stark eingeschränkt ist, begonnen zu malen: Ihre Tierportraits sind unfassbar schön und helfen ihr, neue Kraft zu schöpfen. Wer möchte, findet sie auf Instagram unter kp_portrait_art. Und jetzt: Vorhang auf!

Was ist Mut für dich? “Weitermachen!”

Als Steffi mich fragte, ob ich einen Gastbeitrag zum Thema Mut schreiben möchte, begann ich mir das erste Mal so richtig über MEINEN Mut Gedanken zu machen. Er ist mein Begleiter, den ich seit meiner Erkrankung täglich gespürt habe, aber nie habe ich mich gefragt, was er eigentlich für mich ist, und was er bewirkt.

Welche Erkenntnisse mir diese Überlegungen gebracht haben, war sehr überraschend, und ich danke dir, liebe Steffi, für diesen Denkanstoß!

Ein neues Leben zu beginnen, weil einen das alte nicht mehr erfüllt, erfordert Mut. Habe ich diese Entscheidung aktiv und aus Überzeugung getroffen, finde ich den notwendigen Mut, das durchzuziehen, weil ich es so beschlossen habe.

Wie aber sieht es aus, wenn eine Lebensänderung überhaupt nicht gewollt war, sie einem vom Schicksal aufgezwungen wird durch eine schwere chronische Erkrankuing, die zu allem Überfluss den Ärzten auch noch Rätsel aufgibt? Wenn über Jahre keine Diagnose gestellt werden kann und somit keine Therapiue möglich ist, die Krankheit immer weiter fortschreitet und den Körper immer schwächer werden lässt – wo findet sich der Mut, DAS durchzuziehen?

Ich hatte in dieser Hinsicht Glück, denn ich musste ihn gar nicht finden: Er fand mich. Das wurde mir aber erst richtig bewusst, als ich diesen Text schrieb.

Meine Erkrankung hat in mir nicht nur viele fiese, kleine Zerstörer aktiviert, die meine Muskeln und Nerven schädigen, sondern sie hat auch einen ganz besonderen Mut in mir freigesetzt. Einen, der ebenso in mir wüten kann wie meine Krankheit. Jeden Tag schreit er mir zu, “Aufgeben ist nicht!”

Das beginnt schon mit dem morgendlichen Erwachen. Wenn ich wie ein gestrandeter Käfer auf dem Rücken liege und sich alle Muskeln anfühlen wie Knäckebrot, dann treibt der Mut mich mit dem Versprechen aus dem Bett, dass es in ein bis zwei Stunden besser sein wird.

Er hilft mir, Tage zu überstehen, an denen Schmerzen mich zu zerreißen drohen und alle Schmerzmittel versagen. Ganz sanft hält er dann meine Hand und flüstert mir zu: “Halte aus, es wird wieder leichter werden.”

Er ermöglicht es mir, vor die Tür und unter Leute zu gehen. Ich weiß, dass meine Kraft mich dann irgendwann verlässt und ich den Rollstuhl brauche. Es ist toll, dass es solche Hilfsmittel gibt, doch mit diesen ist dann für jeden sichtbar, dass irgendwas “nicht stimmt”. Dann bin ich gezwungen, aufdringlichen Blicken mancher Passanten standzuhalten. In solchen Situationen aktiviert sich der Mut, der stur alle Blicke von mir abprallen lässt.

Arztbesuche, in denen ein neues Untersuchungsergebnis besprochen werden soll, könnte ich ohne ihn nicht bewerkstelligen, denn diese sind für mich zur reinsten Qual geworden. Wenn die Untersuchung wieder ohne Ergebnis ist, das mich einer Diagnose hätte näher bringen können, ist das mittlerweile schwerer zu verkraften, als wenn mir ein Arzt eine schlimme, möglicherweise nicht behandelbare Erkrankung diagnostizieren würde.


Ungewissenheit ist das Schlimmste an allem. Es steht mir aber ein Mut zur Seite, der mir den Rücken stützt, damit ich dann nicht in mich zusammensacke.

Da ich aufgrund der Erkrankung nicht arbeiten kann, ich aber ein Mensch bin, der immer etwas zu tun haben muss, versuche ich mich im Schreiben von Sprüchen und Gedichten und in der Malerei.

Das anzufangen, auszuprobieren, was möglich ist und immer wieder zu versuchen, ob ich noch einen Schritt weiter kommen kann, hätte ich ohne Mut nicht einmal in Erwägung gezogen. Mittlerweile ist das Malen und Texten für mich sogar zur Selbsttherapie geworden.

Diese Texte und Bilder dann auch noch in der Öffentlichkeit auf Instagram oder in einer Ausstellung zu zeigen, ermöglichte mir ein Mut, der mich selbstbewusst vorantreibt.

Wenn ich jemanden um Hilfe bitte muss, weil ich eine Tätigkeit nicht ausführen kann, die früher alltäglich war und mir “leicht von der Hand ging”, fällt mir das unglaublich schwer. Denn dann gestehe ich nicht nur meinem Gegenüber meine Hilflosigkeit ein, sondern auch mir selbst, und in dem Moment wird mir wieder bewusst, wie krank ich eigentlich bin.

Ganz leise sammle ich hierfür Mut in meinem Innern, so lange, bis genügend davon vorhanden ist, um eine Bitte zu äußern.

Ich könnte noch viele weitere Situationen aufzählen, in denen ich Mut brauche: Den leisen, den wütenden, den sanften, den sturen… aber im Grunde ist es doch immer nur ein Mut, der mich weiter machen lässt – der “Mut der Verzweiflung”. Das hört sich bitter an, ist es auch. Aber dass er da ist und mich antreibt, empfinde ich als ganz großes Glück, denn was hätte ich ohne ihn? Mich aufgegeben, da bin ich mir ziemlich sicher.

Ich hoffe, dass mein Mut weiterhin so stur ist, sich nicht unterkriegen zu lassen, denn so lange werde ich auch nicht aufgeben und diese schwere Lebensphase überstehen.”

– Katharina Potreck –

Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren:

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte rechnen Sie: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.