Liebe Museen – so klappt’s auch mit neuen Besuchern!

Frage: Wie kann  man Menschen für etwas begeistern, was sie (noch) nicht interessiert? Was sie bestenfalls langweilig und schlimmstenfalls – je nach Duktus – völlig ungeil finden?

Zum Beispiel für einen Besuch im Museum. 😉

Erinnern Sie sich noch an das Gefühl, mit dem Sie als kleines Kind auf Entdeckungsreise gegangen sind? Mit unendlicher Neugier, Lust auf Unbekanntes und einer grenzenlosen Begeisterung für alles, was es zu entdecken gab?

Ich bin ein großer Fan von Hirnforscher Gerald Hüther und er erklärt es uns sehr anschaulich: Zwanzig bis fünfzig Mal pro Tag erlebt ein Kleinkind diesen wundervollen Zustand, und jedes Mal werden dabei im Hirn die emotionalen Zentren aktiviert.

Neue Verknüpfungen, neue Netzwerke entstehen und sind – vereinfacht ausgedrückt – der Grund dafür, dass wir bei allem, was wir mit Begeisterung tun, so schnell immer besser werden. Genial, oder? Ich finde, das erklärt eine Menge!

Üblicherweise treibe ich mich beruflich ja in der freien Wirtschaft herum. Seit ein paar Tagen beschäftigt mich die Frage: Wie machen sich eigentlich Museen interessant für Menschen, die eben nicht aus dem sogenannten gehobenen Bildungsbürgertum kommen, sondern Museum erstmal völlig uncool finden?  Und wie komme ich überhaupt auf das Thema?

Tanker und Elfenbeintürme

Melanie Redlberger

Melanie Redlberger

Kürzlich entdeckte ich über Umwege – sie seien gepriesen!! 😉 – einen Blog, der mich total begeisterte.
Melanie Redlberger ist unter anderem Kunsthistorikerin und schreibt hier rund um das Thema Museum. In ihrem Blog stellt sie Fragen, bei denen mir das Herz aufging:

Wieso ist das Museum immer noch eine so elitäre Veranstaltung? Warum steht der Besucher nicht viel mehr im Mittelpunkt??

Ich wurde ganz zappelig vor Begeisterung. Endlich lief mir mal jemand über den Weg, der diese „langsam navigierenden Tanker, diese Horte bildungsbürgerlicher Kontemplation“ (O-Ton: wundervoll, oder?? 🙂 ) aus ihrem Elfenbeintürmen rausholen will.

Kein Kulturbanause wie ich, sondern jemand vom Fach!

Via Twitter entwickelte sich mit Melanie ein lebhafter Austausch und ich bekam immer mehr Lust, mich mit dem Thema zu beschäftigen:

Als Fachfrau dafür,  wie man sich in die Schuhe seiner Wunschkunden stellt. Und als, sagen wir mal, „ungeübte“ Museumsgängerin  mit einer großen Liebe zum  wundervollen Hamburgmuseum und zur Kunsthalle.

Auseinandersetzung mit Kultur? Och, nee…

Vorweg: Ich gehöre weder zum Bildungsbürgertum noch zu den vielzitierten bildungsfernen Schichten. Ich bin kulturinteressiert, aber nicht gerade kulturbeflissen. Mir hat mal jemand vorgeworfen, ich würde klassische Musik „nur häppchenweise und oberflächlich konsumieren, anstatt mich auf eine ganze Symphonie einzulassen“.

Danach fühlte ich mich dann eine Weile ziemlich defizitär. Unzureichende Werkseinstellung eben, kann man nichts machen. Sie wissen schon: Intellektuell eben ein bisschen unterbelichtet.

Aber gibt es eigentlich richtige und falsche Wege, wie man sich Kultur nähert?

Ich bin sehr neugierig und begeisterungsfähig, aber der Zugang zu Musik, Literatur, Malerei & Co. gelingt mir ausschließlich intuitiv: Löst etwas in mir Gefühle aus, berührt es mich, gehe ich damit in Resonanz? Was diese Schranke nicht überwindet, erschließt sich mir leider nicht  – es sei denn, jemand knipst eine Taschenlampe an und zeigt mir einen neuen Zugang.

Von dieser Grundannahme meiner unzureichenden Werkseinstellung bin ich inzwischen wieder abgerückt 😉 . Ich weiß nämlich von echten Kulturfreaks inzwischen, dass es ihnen oft ähnlich geht, Zitat: „Ich kann stundenlang vor La Gioconda meditieren – ich sehe sie nicht mal lächeln.“

Wie sieht’s in den  Museen aus?

Die Stammkunden – Sie wissen schon, das gern bemühte Bildungsbürgertum – kommen sowieso.  In diesen Kreisen gehört das Interesse für und die Auseinandersetzung mit Kultur zum guten Ton: Egal ob in der Literatur, der Malerei oder „im musealen Kontext“ 😉 .

Das reicht aber schon länger nicht mehr und inzwischen sollen ja wegen dramatisch gesunkener Einnahmen neue Zielgruppen erschlossen werden. Aber komisch – die fremdeln! Die wollen nicht!

Wie war was noch: Der Wurm soll dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Wenn der Angler aber nun im Elfenbeinturm hockt und indigniert feststellt, dass der Fisch keinen Bock auf den Wurm hat, weil der nämlich noch gar nicht weiß, wie lecker der Wurm ist? Weil er ihn bisher nur als langweilig, spießig, uncool wahrgenommen hat? 

Echt renitent, dieser Fisch. Unkultiviert, desinteressiert, hoffnungsloser Fall. Tja.

Zielgruppe. Wessen Ziele?

Wunschkunden – und über genau die reden wir hier – können wir nichts verordnen, die müssen wir locken. Also fragen wir doch mal, was sie eigentlich interessiert – womit können wir sie locken und mit welchen Worten bauen wir diese Brücke?

Ein simples Beispiel: Auf so mancher Museumswebsite oder in Ausstellungstexten ist oft die Rede von der Auseinandersetzung mit einem Thema. Ganz ehrlich: In meinem Reptilienhirn – und wir erinnern uns: Ich bin ein ungeübter Museumsgänger – löst das Wort Auseinandersetzung hier eher spontane Abwehr aus und nicht spontanes Interesse.

Wenn ich Sie dazu bringen will, öfter Sport zu treiben: Locke ich Sie dann etwa mit der Aussicht auf einen täglichen Lauf, für den Sie um 6h Uhr morgens aufstehen? Mit Worten wie Disziplin, Überwindung, inner Schweinehund und so? Nein?

Dann vielleicht eher damit, wie bei einem Waldlauf das Laub unter Ihren Füßen raschelt, Regentropfen Nadelbaumwie wunderbar der Waldboden nach einem Sommerregen duftet und wie schön es ist, einfach nur mal Vogelgezwitscher zu hören…? Wie großartig Sie sich danach fühlen?
Ein Beispiel dafür habe ich in diesem Artikel übrigens schon mal verbloggt. Lesen Sie mal: Danach probieren Sie das mit dem Laufen garantiert. 😉

Und so müsste das doch auch für Museen funktionieren!!

Also: Welche Reaktionen möchten wir bewirken? Neugier? Vorsichtiges Interesse?  „Naa guut… kann man ja mal hingehen.“ Oder „Klingt gar nicht mal so schlecht… los, lassma ausprobieren.“

Achja – diese Begleittexte.

Wie oft stehe ich in Ausstellungen kopfschüttelnd vor den  Begleittexten neben den Exponaten oder an den Saaleingängen und frage mich jedes Mal: Geht’s eigentlich noch?

Ellenlange Schachtelsätze, staubtrocken formuliert, mit Zahlen und Fakten überfrachtet und mit monströsen  Wortungeheuern gespickt: Jede Menge verbale Nebelbomben, die reinsten Besucherverscheucher!!

Diese Texte stellen zwar das Fachwissen und die Eloquenz des Verfassers unter Beweis, sind aber offensichtlich geschrieben worden nach dem Motto „Was interessieren mich meine Leser?“. Meistens stammen sie von Kuratoren oder wissenschaftlichen Mitarbeitern, die in ihrem Fachgebiet sicher großartig sind. Aber ihr Geschreibsel geht leider völlig an den Bedürfnissen von Otto-Normal-Museumsbesucher vorbei – um den geht’s aber!

Was braucht ein solcher Text, damit er seinen Zweck erfüllt? Da gelten ähnliche Grundsätze wie für eine gute Rede (bei Interesse: Tipps für eine gute Rede gibt’s in diesem Blogartikel.): Kurze Sätze und eine klare,  lebendige Sprache. Bilder im Kopf entstehen lassen, möglichst wenig Substantive verwenden, viele Verben,  mit Silben geizen und Fachtermini entweder vermeiden oder verständlich erklären.

Lasst lieber eine Jahreszahl weg, erweckt stattdessen die „Geschichte hinter dem Objekt“ zum Leben!

Zebra_morguefile

Quelle: morguefile

Und niemand kann mir erzählen, dass man damit den klassischen Museumsgänger verscheucht, weil die Ansprache dann angeblich zu simpel sei:

Auch das Bildungsbürgertum denkt bei „Zebra“ an schwarzweiße Streifen – und nicht an Unpaarhuftiere der Gattung Equus. Glauben Sie’s mir.

 Liebe Museen!

Ich weiß, dass Ihr auch und vor allem einen wissenschaftlichen Auftrag habt. Dass Forschung und Bewahrung einen sehr großen, wenn auch für die Öffentlichkeit zumeist  unsichtbaren Anteil an eurer Arbeit haben. Die Gelder werden immer mehr gekürzt und die Personaldecke ist oft bis zum Zerreißen gespannt. Ich weiß auch um die komplizierte Situation speziell in Hamburg: Das hiesige Stiftungsmodell erleichtert euch die Arbeit oftmals nicht gerade.

Aber probiert es aus: Wenn Ihr Menschen, vor allem junge Leute, für’s Museum begeistern wollt, dann wechselt doch mal die Perspektive. Stellt euch in ihre Schuhe und betrachtet das Ganze aus der Warte von jemandem, der nur noch nicht weiß, wie großartig euer Haus sein kann!

Von Gerald Hüther haben wir gelernt: Um Begeisterung zu entfachen, muss etwas bedeutsam sein. Also: Was könnte am Angebot eures Hauses bedeutsam sein für neue „Wunschkunden“? Was wäre reizvoll, womit könnte man sie locken? Und dann baut Brücken mit einer Sprache, die genau diese Bilder in ihre Köpfe zaubert.

Melanie Redlberger spricht in ihrem Blog von dem „Moment, in dem die Objekte zu wispern anfangen“…

Das möchte ich erleben, diese Verheißung schon auf eurer Website finden! Und dann kommt irgendwann ganz von selbst die Bereitschaft und sogar der Wunsch, sich auf eine „Auseinandersetzung“ einzulassen. Versprochen. 🙂

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen herzlichen Dank für diesen tollen Artikel! Ich bin begeistert, dass das „dröge“ Thema „Museum“ so inspirieren kann. Es muss halt in die richtigen Hände fallen… Jedenfalls freue ich mich sehr über den Gedankenaustausch, und freue mich auf ein weiteres Inspirations-„Ping-Pong“!

    • Liebe Melanie,
      ich freue mich sehr über deine tolle Rückmeldung! Mit diesem Thema verbinde ich so viel „Leidenschaft“ und Begeisterung – es ist direkt eine Erleichterung, sich das mal von der Seele geschrieben zu haben ;-). Inspirations-Pingpong klingt fabelhaft; genau das machen wir. Freu‘ mich drauf!

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