Lange Rede – keine Wirkung

Kennen Sie sich in den Charts aus?

Heute geht es um eine Hitliste der besonderen Art:
Das Handelsblatt präsentierte kürzlich sein alljährliches Redner-Ranking  (bei dieser Wortschöpfung sträubt sich mir „eigentlich“ die Feder 😉 ). Zu diesem Zweck ist  der  Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider durch die Hauptversammlungen aller 30 Dax-Unternehmen getourt. Seine Mission:

Mikrofon_morguefile

Quellenangabe Fotos: morguefile.com

Wie verständlich sind die Reden der Vorstandschefs?

Brettschneider legt dabei folgende Bewertungsmaßstäbe zugrunde:
Verständlichkeit, Anteil der Fremdwörter, Abstraktheitsgrad sowie Wort- und Satzlängen. Null Punkte gibt es, wenn die Rede für Otto-Normal-Zuhörer (also in diesem Fall die Anteilseigner) so unverständlich ist wie z.B. eine Doktorarbeit. Bekommt eine Rede die Topnote 10, kann man ihr so gut folgen wie einer Radionachricht.

Chartstürmer dieses Jahr war BASF-Chef Kurt Bock mit seinem nur 34minütigen Auftritt:  Umsatz- und Wachstumsprognosen, Investitionen und Innovationen präsentierte er in einer lebendigen,  gut verständlichen Sprache. Anstelle von Fachchinesisch – gerade im Bereich Chemie – brachte er anschauliche  Beispiele. Er verschonte sein Publikum mit Bandwurmsätzen; Worthülsen blieben die Ausnahme. Und als Kirsche auf der Sahnetorte beschränkte er sich auf lediglich ein Dutzend Powerpoint Folien. Chapeau!!

Wie können SIE sich die volle Aufmerksamkeit Ihres Publikums sichern?

Sie müssen kein Präsentationsprofi sein; auch Lampenfieber ist absolut in Ordnung.
Ein Feuerwerk an rhetorischen Highlights und witzigen Bonmots ist ebenfalls nicht nötig.
Wenn Sie das abliefern KÖNNEN, gern – wenn NICHT: kein Problem.

Beginnen Sie mit einem Basis-Check:

Wie lang ist Ihre Rede?
Taschenuhr_morguefileDie Faustregel besagt: Eine Tischrede sollte max. 10 Minuten dauern, eine Rede vom Podium höchstens 30 Minuten. Die absolute Obergrenze für Letzteres ist eine Dreiviertelstunde, aber dann muss der Redner schon richtig gut sein:
Dazu gehört es, sein Publikum auch zu unterhalten, zwischendurch für Kurzweil und ein paar Lacher zu sorgen (was natürlich auch bei kürzeren Auftritten nicht schaden kann 😉).

Confused_Taste_morguefileKurz & knackig statt Bandwurm!
Überprüfen Sie die Länge und die Struktur Ihrer Sätze. Ein Leser kann theoretisch „nochmal lesen“, Ihre Zuhörer haben die Chance nicht. Wenn das Publikum während eines Vortrags über das Gesagte nachdenken muss, haben Sie seine Aufmerksamkeit verloren. Natürlich sollen Sie keine Stakkato-Sätze produzieren, aber Sie können sich zum Beispiel an einer guten Radionachricht orientieren: Die enthält im Schnitt maximal sieben Worte. Ein weiterer Tipp: Auch wenn Sie zwischendurch Luft holen müssen, ist der Satz wahrscheinlich zu lang.

Geizen Sie mit Silben!
Ein Wort ist umso verständlicher, je kürzer es ist. Punkt.

Reden Sie Klartext!
Wählen Sie eine klare Sprache und benutzen Sie konkrete Formulierungen.
Sie wissen schon: Sagen Sie nicht Befindlichkeiten, wenn Sie Gefühle meinen. Geht es um Paprika und Frühlingszwiebeln, sprechen Sie nicht von Gemüse.

Außerdem: Werfen Sie alle Worthülsen gnadenlos raus!

Blah_blah_morguefileDas schlimmste Wortungeheuer in der Rednerhitliste der DAX-30  verzapfte dieses Jahr SAP-Chef Bill MacDermott mit der Kreation „Business-to-Business-to-Consumer-Wirtschaft“. 🙁

Seien Sie sparsam mit Zahlen!
Beim Zuhören können wir wesentlich weniger Zahlen verarbeiten, als wenn wir lesen. Setzen Sie den Rotstift an: So wenig Zahlen wie möglich. Das, was überbleibt, vereinfachen Sie bitte konsequent. Überfordern Sie Ihr Publikum nicht mit einem Umsatz von € 4.755.170,–  , sondern brechen Sie das Ganze auf € 4,8 Millionen herunter.

Bitte denken Sie daran:

Ein Leser kann jederzeit innehalten. Tut ein Zuhörer das, ist er schon ausgestiegen und wahrscheinlich fährt der Zug ohne ihn weiter. Der Super GAU tritt dann ein, wenn der Redner nicht merkt, dass er sein Publikum verloren hat –  und das passiert leider viel zu häufig.

Im nächsten Artikel zu diesem Thema gehen wir in’s Detail: Was wollen Sie Ihren Zuhörern eigentlich sagen – und was haben die davon?

Das Schlusswort für heute überlasse ich Kurt Tucholsky:

„Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören – das ist DEINE Gelegenheit!
Missbrauche sie.“ 😉

Ich freue mich über’s Teilen, Liken und Weitergesagtwerden per…

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Schöne Tipps! Ich überlege mir vorab auch immer, was ich in den ersten 20 Sekunden sage. Was ich das sage, bleibt hängen und entscheidet, mit welcher Haltung mir mein Publikum 45 Minuten folgen wird.
    Beste Grüße, Maren Martschenko

    • Hallo Maren,
      jawoll – bloß nicht das übliche „Freue ich mich, Sie hier heute begrüßen zu dürfen und möchte Ihnen in meinem nun folgenden blablabla…“
      Und ich finde, die „Kirsche auf der Sahnetorte“ ist der Verzicht auf Powerpoint & Co., wo immer es möglich ist. Aber das kennst du ja. 😉

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